Also schon wieder ein gescheitertes Attentat auf Trump. Die Aufnahmen davon lösen Irritationen aus. Filmisch festgehalten wie Szenen aus einer Netflix-Serie. Wie kommt es, dass die, die da gefilmt haben, da so einfach mitten im Geschehen herumstehen konnten, während Männer, die wohl für die Sicherheit verantwortlich sind, in Anzügen, mit fliegenden Krawatten und gezückten Pistolen durch die Gänge stürmen und Geschirr umwerfen? Das Netz ist schon Minuten nach Bekanntwerden voll mit Verschwörungstheorien. Dieser Lügenregierung traut man alles zu und glaubt man nichts mehr. Nun sollte man nicht leichtfertig urteilen, aber Fragen stellen sich: Wie konnte es so weit kommen, dass viele einen solchen Vorfall, der noch vor zehn oder zwanzig Jahren einen nationalen Notstand in den USA ausgelöst hätte, achselzuckend zur Kenntnis nehmen oder im Extremfall gar mit Bedauern, dass nicht tatsächlich Schlimmeres passiert ist? Wahnsinn, eigentlich. Dass dieser Vorfall Trump in die Karten spielt, dass er von ihm nun politisch für seine Interessen ausgeschlachtet wird, und ihm so die neueste Gelegenheit bietet, sich selbst in ein göttliches, heldenhaftes Licht zu stellen, macht das alles nicht besser und hat einen ganz üblen Nachgeschmack. Wetten, dass dieser Vorfall schnell überholt sein wird von noch verrückteren Episoden in der atemlosen Trump-Serie?
Der Spiegel hat in Worte gefasst, was auf der Welt gerade passiert: Der alte Westen ist dahin. Die Pax Americana am Ende. Die Populisten siegen. Russland ist im Angriff. China erobert schleichend die Weltwirtschaft. Tech-Milliardäre errichten unbehelligt von nationalen Beschränkungen eine Art Meta-Staat. KI verändert die Arbeitswelten und unser Menschenbild. Die liberalen Demokratien sind bedroht von innen und von aussen. Und der Idee der Demokratie geht die Luft aus, sie hat nicht mehr die Kraft, den vielen Krisen und Ängsten und der Haltlosigkeit Anker und Antwort zu sein. Der Faschist Benito Mussolini soll mal gesagt haben, Demokratie sei schön, sie lasse es sogar zu, dass man sie zerstört.
Der britische Historiker David Runciman («How Democracy Ends») antwortet auf die Frage, ob es die Demokratie verdiene, dass sie überlebt, dass es kein gutes Argument sei, auf etwas zu beharren, nur weil man Angst hat, dass bei Veränderungen etwas Schlechtes herauskommen würde. «Die Demokratie zu verändern, ist nicht gefährlich. Sie nicht zu verändern, das ist gefährlich.» Wahlen, politische Parteien, Rechtsstaat, individuelle Rechte, Parlamente, Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Werteorientierung, Massenmedien. Man müsse sich einzelne Teile genauer anschauen und überlegen, wo die Probleme lägen und wie man es anders machen könne. Auch interessant: Er lehnt ein Denken in Binaritäten ab. Optimismus oder Pessimismus? Böse oder gut? Katastrophe oder Paradies? Binäres Denken verengt den Blick. Es werden viele Dinge passieren: Künstliche Intelligenz, Klimawandel – sie werden böse Folgen und gleichzeitig gute haben. Es sei nicht sinnvoll, sich ständig eine Geschichte mit einer Moral am Ende zu erzählen.
Als ich in den Siebzigern und Achtzigern aufwuchs, war da diese beklemmende Angst vor einem Atomkrieg. Das Ende der Welt war nicht nur denkbar, sondern die Angst davor gegenwärtig. Heute, rund vierzig Jahre später, ist die Apokalypse noch immer oder wieder denkbar. Anlässe sind die enthemmte Umweltzerstörung oder die rasende Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, die uns aus den Händen zu gleiten droht. Über die Atomgefahr spricht man kaum. Fakten sind aber: Die USA wollen wieder mit Atomwaffentests beginnen, was das seit 1992 geltende Moratorium bricht. Und seit dem 5. Februar 2026 gibt es erstmals seit dem Kalten Krieg kein bilaterales Abkommen zur nuklearen Rüstungskontrolle mehr zwischen den USA und Russland. In der Flut des täglichen Wahnsinns des Irren ist diese Meldung fast untergegangen. Und vergessen wir nicht: Fast alle Atommächte führen gerade Krieg: Russland in der Ukraine, die USA im Iran, Israel im Libanon, in Gaza und im Iran, Pakistan in Afghanistan, und Nordkorea würde liebend gern, findet aber offensichtlich keinen Gegner, der mitmacht. Das mit Abstand gefährlichste Element unserer Welt sind Atomwaffen.
Wozu Menschen fähig sind? Im Bosnienkrieg sollen wohlhabende Westeuropäer sich Safari–Wochenenden in den Hügeln oberhalb Sarajevos gebucht haben. Sie bezahlten serbischen Drahtziehern bis zu 100'00 Euro pro Ausflug, damit die sie dahinbringen, von wo sie in aller Ruhe Bosnier schiessen konnten – einfach so zum Spass. Während Alte und Kranke gratis waren, wurde der Abschuss von Kindern oder schwangeren Frauen am teuersten verrechnet. Diese waren aber wohl auch die höchste Trophäe und tiefste Genugtuung mit der die Männer am Sonntagabend wieder in ihren Alltag, zu Frauen und Kindern in ihre Länder zurückkehrten. 30 Jahre später wird nun gegen die Wochenend-Scharfschützen ermittelt. Ob es was bringt? Kürzlich sagte Trump, die USA würden ihre Angriffe an der Nordküste des Irans fortsetzen und möglicherweise auch die iranische Öl-Insel Charg bombadieren: «Nur so zum Spass.»
«Bro», auch Brou ausgesprochen, ist das geflügelte Wort unserer Zeit. Man hört es überall, im Zug, im Tram, auf den Strassen. Die Jungen, egal welcher Herkunft, nennen sich gegenseitig Bro. Jeder Satz endet mit Bro. Jeder Händedruck wird begleitet vom «Hey Bro». Eigentlich schön, wenn es so brüderlich zu und hergeht in unseren Gesellschaften. Nichts auszusetzen. Aber irgendwie ein bisschen irritierend, denn auch die jungen Frauen nennen sich Bro, nicht etwa Sis. Das «Bro», mit rollendem r versteht sich, wird fast so expanisv verwendet wie das Wort «genau». Wie man das genau verstehen muss? Unklar. Ich gehe heute baden, genau. Und danach habe ich zum Essen abgemacht, genau. Und morgen muss ich wieder arbeiten, genau. Hey Bro, das wollte ich hier loswerden, genau.
Zurück zur Frage, warum immer mehr denkende Menschen dermassen blind den Rechten anhängen. Sind es die einfachen Antworten auf eine immer komplizierter werdende Welt? Ist es allein die Ablehnung der Ausländer? Wenn also jemand kommt und sagt, dass man bloss die Ausländer loswerden muss, dann gäbe es wieder genügend Jobs, nähme die Kriminalität ab, könnten sich die Frauen wieder sicher fühlen, gäbe es keinen Stau mehr auf den Strassen, müssten wir alle weniger Steuern zahlen und bekämen wir endlich wieder einen Zahnarzttermin, dann kann das verlockend klingen. Aber ist es nicht sonnenklar, dass das bloss Bullshit ist, bloss Lug und Trug? Ist es angesichts der vielen Entscheidungen, die man stündlich treffen muss, vielleicht einfacher, das eigene Schicksal in die Hände eines «Führers» zu legen, der dir genau sagt, was zu tun ist? Man könnte sich ausruhen. Ist das der Reiz? Und nicht zuletzt: Nimmt dir einer die Sorge vor der Zukunft, der Verschmutzung der Erde, die unsere Wohnung ist – der Ozeane, die unser Leben ermöglichen – der Luft, die wir zum Atmen brauchen – indem er sagt, das seien alles Fake News, es gäbe weder das eine noch das andere, dann kann man, wenn man denkt es hilft einem, erleichtert durchatmen, zurücklehnen und ist viele Sorgen auf einen Schlag los. Alles wieder im Lot. Könnte man denken.
Müde sind sie, die Franzosen, Politik verdrossen. Es finden sich in vielen kleineren Gemeinden kaum mehr Menschen, die für den Job als Bürgermeister kandidieren, obwohl diese Maires in der Regel beliebt und geachtet sind. Die Wahlbeteiligung lag unter 50 Prozent. Das ist ein Alarmzeichen.
Sie werden immer mehr, die Menschen, die Gefallen finden an den Rechten, den Rechtsextremen, den Faschisten. Siehe die Kommunalwahlen in Frankreich, wo der rechtsnationale (fein ausgedrückt) Rassemblement National unaufhaltsam im Vormarsch ist (auch fein ausgedrückt) und Macrons Lager gerade vollständig zusammenbricht. Und das vor der Präsidentschaftswahl 2027. Gewählt wurden auch Politiker, die wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht stehen. Als ob das nichts mehr ausmacht heutzutage. Ja geradezu ein Qualitätsmerkmal ist in Zeiten eines US-Präsidenten, der keinen Funken Anstand und Respekt hat (ausser sich selber gegenüber) und Verachtung zeigt für jeden Funken Anständigkeit. Da will man doch nicht zurückstecken, wenn man Ehrgeiz hat, es weit zu bringen. Endlich das innere Tier von der Leine lassen, das man so lange hat bändigen müssen.
Was schreiben, wenn man sich angesichts der täglich neuen Zumutungen nur wiederholen kann? Der selbsternannte Friedensgott ist in Wahrheit ein perverser Kriegsverbrecher und Massenmörder, der keine Ahnung hat, was er tut. Der einfach tut, um sich selber zu gefallen. Warum es tatsächlich noch Menschen gibt (auch in meinem persönlichen Umfeld), die das gutheissen und ihn toll finden, gar als «Bestes, was der Menschheit passieren kann» bezeichnen, ist mir ein riesengrosses Rätsel. Aber ich möchte es verstehen.
Man vermutet ja schon seit Jahren, dass Banksy Robin Gunningham sei, ein Streetartkünstler aus dem englischen Bristol. Offenbar hat sich diese Vermutung jetzt konkretisiert. Interessant ist, wie der Name Banksy entstanden sein könnte. Gunningham habe sich früher den Künstlernamen «Robin Banks» zugelegt, ein Wortspiel, angelehnt an «robbing banks» – Bankraub. Aus Robin Banks wurde dann die Kurzform Banksy. Inzwischen heisse Gunningham «David Jones», ein Allerweltsname in England, was zu seiner Anonymisierung beiträgt.
Der berühmteste Graffiti-Künstler der Welt ist wieder einmal enttarn, so steht es geschrieben. Klar, Banksy ist ein Mythos und dass man seinen bürgerlichen Namen nicht kannte, war Teil seiner Strahlkraft. Ich hoffe nicht, dass er jetzt aufgeflogen ist und verstehe auch nicht, warum man unbedingt wissen will, wer hinter Banksy steckt. Viele seiner Werke sind politisch so brisant, dass bestimmt jemand auf die Idee kommt, man könnte sich seiner entledigen, um ruhiger das zu tun, was solche Leute halt tun.
Ist es nicht glasklar durschaubar, was da läuft mit der ICE-Gestapo, die in den demakratisch geführten Staaten der USA herummorden können, ohne eine Strafe zu befürchten? Das ist Wahlkampf der Trumpisten. Es geht um die Zwischenwahlen im Herbst, wenn alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und ein Drittel im Senat neu besetzt werden müssen. Das Motto: Angst und Schrecken verbreiten, jetzt schon, und je näher die Wahlen kommen, desto mehr. So dass sich die Menschen nicht mehr auf die Strassen trauen, schon gar nicht in die Wahllokale. Wer doch geht, riskiert, verhaftet zu werden. Jede potentiell demokratische Stimme, die nicht abgegeben werden kann, ist ein Minisieg für Trump. Gleichzeitig wird der Briefwahl schon lange die Legimität abgesprochen, wird den Demokraten Fälschungen und Betrug vorgeworfen. Ohne Beweise selbstverständlich, darum geht es nicht. Es geht nur um diese verdammte Wahl, bei der es um alles geht. Für Trump und Gesocks, für die Demokraten, die Demokratie, um uns alle.
Eigentlich wollte ich nicht mehr über diesen Widderling und sein Gesocks schreiben – nicht mal an sie denken. Aber wie soll das gehen, wenn jeden Tag eine neue Untat bekannt wird, noch primitiver als alles zuvor und über kaum was anderes noch berichtet wird? Aber jetzt muss ich doch. Wie soll man es nennen, wenn ein Nazi-Anhänger aus Trumps Privat-Gestapo eine unbewaffnete dreifache Mutter, die bloss zur falschen Zeit am falschen Ort war, dreimal und ohne Vorwarnung in den Kopf schiesst und danach «Fucking Bitch» ruft? Und wie erst soll man es nennen, wenn Trumps armselige Speichellecker in der Regierung sich weigern den Mörder zu bestrafen und stattdessen die tote Mutter zur Terrorostin erklären? Dafür gibt es keine Worte. Und bereits ist das kein Thema mehr, weil er die Welt täglich mit neuer dunkelbrauner Scheisse zuschüttet. Wo sind wir bloss angelangt?
Wie sich ins Kino gehen mal wieder gelohnt hat. Das Studiokino unten in der Ecke am Rand der Unterstadt. Wunderbares Ambiente, wunderbarer Film. Mit Tom Waits, diesem Helden seit Jugendjahren, in Hochform – heiserer, knorriger, grossartiger, denn je. Der Film hat kein Tempo und null Dynamik. Er lebt von den stillen Momenten, den peinlichen Niemandweisswaszusagen-Pausen, den spärlich-nichtssagenden Dialogen, den grandiosen Schauspielern, der totalen Entschleunigung. Und inmitten einer zwischenmenschlichen Bruchstelle kommt er: cool, lässig, überraschend, umwerfend: der tiefenentspannte Groove von Dusty Springfields Folksoul-Klassiker «Spooky». Wer an Jim Jarmuschs Filmen wie «Night on Earth», «Stranger than Paradise», «Coffee and Cigarettes» oder «Down by Law» Gefallen fand, wird auch sein neustes Werk «Father, Mother, Sister, Brother» bestimmt cool finden.
Was bringt das neue Jahr? Alles steht scheinbar infrage. Alte Gewissheiten? Zählen nicht mehr. Neue Technologien? Überschwemmen uns gerade. Die Balance der Welt? Ist stark in Gefahr. Die Demokratie? Steht auf der Kippe. Die demografische Entwicklung? Wird zum immer grösser werdenden Problem. Nicht den Optimismus verlieren, wird in dieser turbulenten Zeit zur grossen Kunst.
Jetzt also doch: Trump ist jetzt ein Friedensengel, zumindest hat er einen Pokal und eine Medaille bekommen und darf das jetzt glauben und sich damit rühmen. Der riesige Goldpokal, ohne Strahlkraft und politische Bedeutung, grösser als die Trophäe, um die an der WM im Sommer gespielt wird, wurde überreicht von Gianni Infantino, dem Fifa-Präsidenten, der für das an Heuchelei und Peinlichkeit nicht zu überbietende Schmierentheater ebenso einen Preis verdient hätte: vorschlagsweise den «Braunen Schleimschisspot». Die wollen uns für dumm verkaufen und tun es unverfroren. Das ist Realsatire, durchaus unterhaltsam, wäre es nicht bitterer Ernst und Teil der Abschaffungskampagne von Wahrheit und Fakten, der Umkehrung von Tatsachen, die es erst möglich macht, dass korrupte Gangster von korrupten Gangstern zu Friedensstifter verklärt werden. Die Freude am Weltfussball ist mir nach dieser widerwärtigen Farce so richtig vergangen. Plant mich bloss nicht bei euch ein.
Das Ziel ist, Verpöntes, Unsagbares, Undenkbares akzeptabel zu machen, diskutierbar, eben ganz normal. Dafür stösst man die Grenze stets ein Stückchen weiter und weiter und weiter. Mit dem bewussten, steten Durchbrechen der Grenzzäune löst man bei den Zuhörern, Scham, Hemmungen, Zurückhaltung auf, fördert die Nachahmung und weckt das vielleicht tief Verborgene, das Böse, das irgendwann ganz banal erscheint. «Schau, ich kann das sagen und mir passiert nichts. Was ist schon dabei. Jemand muss es ja mal aussprechen.» Eine unerträgliche, teuflische und brandgefährliche Strategie, die aber offensichtlich bei vielen erfolgreich verfängt und gerade den Zeitgeist prägt.
Hin- und hergerissen nach dem Kinobesuch. Was soll ich von «Deliver me from Nowhere» halten, dem Film über Bruce Springsteen? Zwei Stunden Depro, Tränen, Traurigkeit. Damit habe ich nicht gerechnet. Der Film dreht sich darum, wie Springsteens sechstes Studioalbum Nebraska entstanden ist. Die Musik im Film ist mehrheitlich vom Schauspieler Jeremy Allen White gesungen. Er macht das gut und interpretiert die Songs in seinem Stil. Er hat Springsteen genau studiert, kann seine typischen Gesten, Körperhaltungen und auch seine Stimme nachmachen. Doch verfängt er sich in den ganzen Posen, kommt nicht mehr aus ihnen raus, was sein Spiel unnatürlich macht. Kaum ein Satz, der nicht künstlich wirkt. Als Springsteen-Fan ist es schwierig, White zu folgen. Man hätte sich ein anderes Bild vom Boss gewünscht. Immerhin wird man mit ein paar sehr emotionalen, starken, aufwühlenden Szenen besänftigt und ganz am Ende mit dem Originalsong «Atlantic City» bis in den Abspann hinein beglückt. «Ich nehme an, alles stirbt, Baby. Das ist ein Fakt. Aber vielleicht kommt alles, was stirbt, eines Tages zurück. Mach deine Haare hübsch, richte dich hübsch her. Und triff mich heute Nacht in Atlantic City.»
Und wir denken, wir hätten jetzt schon ein Flüchtlingsproblem. Wie werden wir nennen, was in absehbarer Zeit auf uns zukommt? Am Rande des Klimagipfels in Belém werden Prognosen bekannt. Unbestritten, ausser von den Klimaleugnern wie Trump, ist, dass Millionen von Menschen in den kommenden Jahren ihr Land verlassen müssen, weil es dort zu heiss wird und es zunehmend an Trinkwasser mangelt. Wie hoch diese Zahl ist (1 Milliarde?) ist nicht voraussagbar. Bekommt man die Klimakatastrophe nicht in den Griff und danach sieht es aus, werden die Menschen in Massen nach Norden fliehen. Der deutsche Regisseur Roland Emmerich möchte in Hollywood einen Film machen, in dem ein Flüchtlingslager die Kulisse bildet, wo 400 oder 500 Millionen Menschen leben. Emmerich glaubt, das sei ein realistisches Szenario, hat das Projekt aber auf Eis gelegt, weil er für so einen Film im aktuellen politischen Klima der USA keine A-Schauspieler finden würde und weil die Zuschauer sowas nicht sehen wollen, zu unbequem, was da auf uns zukommen könnte. Für Optimismus ist wenig Platz, denn sicher ist, dass durch das weltweit grassierende Aufrüstungsfieber weniger Geld für Klimaschutz zur Verfügung steht.
Das neue Buch von Patti Smith. Es beginnt mit einem Zitat von Gogol: «Hindernisse sind unsere Flügel.» Eine Ermunterung zum Auftakt. Patti sagt dazu: «Ich mag dieses Zitat, weil Gogol natürlich wahnsinnig viele Hindernisse in seinem Leben hatte. Nicht zuletzt sich selbst. Er starb, weil er aufhörte, zu essen. Sie haben ihn am Schluss mit Blutegeln übersät, ein schrecklicher Tod. Armer Gogol.» Ich habe noch nicht zu lesen begonnen, bin vielmehr abgeschweift zu Pattis Heldinnen und Helden, die irgendwie alle schrecklich und unnatürlich gestorben sind: Jim Morrison und Jimi Hendrix, die nach Drogenexzessen am eigenen Erbrochenen erstickt sind. Virginia Woolf, die sich ertränkt hat wie der japanische Schriftsteller Osamu Daszai. Oder Arthur Rimbaud, der wohl an Krebs starb, konkret an den Folgen eines Tumors am Knie, nachdem ihm das Bein amputiert wurde. Bob Dylan lebt noch, zum Glück. Über diesen Helden früher Tage sagt Patti: «Einer, dessen Platten ich kaufen konnte, den ich bei Konzerten auf der Bühne sehen konnte. Das erste Mal 1965. Er war … alles. Seine Sprache. Seine Arroganz.»
Annette Humpe war die Sängerin, Songschreiberin und Produzentin von «Ideal» – einer der prägenden Bands der Neuen Deutschen Welle (NDW) in den Achtzigern. Während sich die Gruppe 1983 auflöste, blieb die musikalische Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Inga Humpe glücklicherweise in verschiedenen Projekten bestehen. Heute feiert Annette ihren 75. Geburtstag. Eigentlich unfassbar, bedenkt man, wie jung wir damals waren, als unsere Welt «Ideal» wurde und die Texte unser Denken veränderte und unsere Emotionen steuerte: «Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein. Ich steig aus, gut wieder da zu sein. Zur U-Bahn runter am Alkohol vorbei. Richtung Kreuzberg, die Fahrt ist frei.» Stark, oder?
Ist die Annahme richtig, dass KI sich nur auf Bekanntes beruft, während Journalismus das Unbekannte suchen und aufdecken kann? Dass also KI niemals investigativen Journalismus machen kann? Wohl nur, wenn man davon ausgeht, dass KI nicht selber denken und handeln lernt. Ich weiss, dass ich nichts weiss über KI. (Mein KI-umpel meint, das sei bloss eine verfälschende Verkürzung des Original-Zitats von Sokrates, das so lautet: «Allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiss, ich aber, wie ich eben nicht weiss, so meine ich es auch nicht.»)
KI fegt jetzt schon massenweise Arbeitsstellen weg. Anders als noch beim Ende des Bergbaus trifft es dieses Mal nicht bloss die Arbeiter, sondern auch hoch qualifizierte Akademiker, Grafikdesigner, Controller, Softwareentwickler, also sogar jene, welche KI überhaupt geschaffen haben. Die Revolution frisst seine Schöpfer.
Um diese einmalige Aussicht auf den unteren Teil des Puschlavs und das italienische Tirano geniessen zu können, muss man vom türkisblauen Lago di Poschiavo rund 800 Höhenmeter bergauf steigen. Dann erreicht man die Alpe San Romerio, wo die wunderschöne kleine Kirche steht. Die Einheimischen sagen, dass wer das Kirchlein einmal umrundet, niemals mehr krank wird. Klingt verlockend, doch die Umrundung ist unmöglich, der Versuch würde tödlich enden, da die Kirche direkt an einer steil abfallenden Felskante liegt. Der Satz ist also wahr.
Diese Zahl schockiert mich zutiefst. 80 Prozent unserer Kleider, die wir in Säcken in die Sammelstelle werfen, landen auf Mülldeponien in Afrika. Sind wir derart überheblich, dass wir glaubten, die Bedürftigen würden sich über das gebrauchte Zeugs freuen? Offensichtlich schon.
Heute vor 80 Jahren wurde die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Die US-Amerikaner nannten sie «Little Boy». 500 Meter über der Stadt explodierte sie – und die Lebewesen verbrannten auf der Stelle, sogar Stahl schmolz. Little Boy hatte 140'000 Menschen auf dem gewissen, vielleicht auch viel mehr. Die verheerendste Massenvernichtungswaffe, die je eingesetzt wurde. Drei Tage später folgte die nächste, sie hiess «Fat Man». Sie brachte den Massentod über Hiroshima nach Nagasaki. Und heute? Will man uns wieder weismachen, dass atomare Aufrüstung unumgänglich sei, um den Frieden zu erhalten. Damals war Japan am Arsch, war geschlagen und zu keinem Schlag mehr fähig. Die Toten? Es waren 200'000 bis 300'000, man hätte sie leben lassen können. Töten im Namen des Friedens – es ist pervers. Die Amerikaner wurden für dieses schlimmste aller Kriegsverbrechen nie belangt. Und jetzt sitzt ein Irrer am grossen roten Knopf, der mit seiner Macht, die er dadurch bekommen hat, prahlt und droht wie ein dummer Schuljunge, dem der Rotz unter der Nase klebt.
Heute gelernt: Der Begriff «Extinction Burst» bezeichnet ein bestimmtes Verhalten, das verstärkt auftritt, nachdem es nicht mehr belohnt wird. Das Verhalten eskaliert, und zwar nicht, weil es «funktioniert», sondern weil zum letzten Mal versucht wird, es zum Funktionieren zu bringen. Das Verhalten wird lauter, irrationaler, aggressiver. Ein letztes Aufbäumen, ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle zurückzuholen.
Okay, man kann einwenden, dass Regierungen in erster Linie dazu da sind, ein geregeltes Zusammenleben zu ermöglichen, die nationalen Interessen zu wahren, dazu gehört die Sicherheit des Volkes, Wohlstandswahrung, Wirtschaftswachstum usw. So etwas wie Erhalt des Planeten, oder das Überleben der Menschheit übersteigt die Kapazitäten von Regierungen. Einverstanden, dann müsste man aber der Wissenschaft, die sich mit solchen Problemen beschäftigen, die grösstmögliche Wichtigkeit und Anerkennung bescheren. Sprich, finanzielle Unterstützung sichern, gewichtige Mitsprache bei der Gesetzgebung und Steuerung des Staates geben. Und sie nicht, wie in den USA und in Teilen des rechtsgerichteten Europas gerade vorgelebt, finanziell kastrieren und ihnen jegliche Glaubwürdigkeit absprechen. Da läuft etwas gewaltig schief.
Und welche Folgen wird das alles haben? Was passiert mit uns, wenn die Jungen sich nicht mehr der mühsamen Auseinandersetzung mit Wort und Syntax stellen müssen, wenn sie zunehmend geistige Spannkraft und Formulierungsgabe verlieren, wenn die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne und die Ausdauerfähigkeit immer weiter sinken? Wir sind mitten in einer Revolution der Geisteswelt, die wir so noch nie erlebt haben, und deren Folgen wir uns wohl nicht ausdenken können und wollen. Und was haben Regierungen für Antworten darauf? Aufrüstung über alles, Sicherheit durch Abschreckung, Deregulierung von Märkten, Abbau des Sozialstaates, Kampf gegen Überfremdung. Sitz ich grad im falschen Boot? Und mir stellt sich noch mehr Fragen: Wozu sind Regierungen da? Was sind ihre zentralen Aufgaben?
In den Schulen wird der digitale Umbruch und seine Folgen gerade exemplarisch deutlich. Schüler, die ihre Texte mit KI-Software schreiben – wie sollen Lehrer damit umgehen? Einige lassen solche Texte nicht gelten, weigern sich, sie zu benoten. Andere ermuntern die Schüler, die Schreibmühen an die Maschine zu delegieren, nutzen KI zunehmend selbst, um Aufgaben für Schüler vorzubereiten, zur Gestaltung des Unterrichts, für Zusammenfassungen. Komplexeste Texte können innert Sekunden zu einem verständlichen fünfminütigen Podcast gefertigt werden. Wie viel Zeit und Mühe man damit spart. KI als bloss ein weiteres Hilfsmittel für den Unterricht zu verstehen, eine Art Taschenrechner mit erweiterten Funktionen, das scheint mir ziemlich naiv. Derselbe Umbruch und Kampf findet gerade im Journalismus statt.
Die Frage, die sich daraus stellt, ist die: Warum treiben wir Menschen mit unaufhaltsamem Trieb unsere Auslöschung voran? Für mich gibt es dazu zwei treffende Schlagwörter. Macht und Profit, die Systemimmanenz der freien Marktwirtschaft. "Big Tech"-Firmen führen ein Wettrennen. Wer schneller und besser ist, der wird mächtiger und reicher. Kein Zufall, dass sich die Tech-Giganten in der US-Regierung eingenistet haben, dort die Deregulierung vorantreiben, damit sie tun und lassen können, was sie wollen, fern von moralischen, ethischen und gesellschaftstragenden Standpunkten. Langfristiges Denken spielt dabei keine Rolle. Nach mir die Sintflut, Hauptsache mir geht es jetzt gut. Vielleicht muss man die heutigen Kriege unter diesem Aspekt verstehen: Es geht um die Sicherung und Eroberung von Rohstoffen, die benötigt werden, um den Digitalisierungskampf voranzutreiben.
Also, um den vorigen Eintrag nochmal zu verdeutliche: Es geht um eine KI, die übermenschlich programmieren kann. Die KI programmiert die KI. Dann geht alles sehr schnell. Unermüdlich und mit immer grösserer Kapazität verbessert dich die KI, um dem Menschen, der das nicht vermag, immer weiter zu enteilen.
Diese Einschätzungen machen schon äs Bitzli nachdenklich. Bis Ende 2027 werde es eine Künstliche Allgemeine Intelligenz geben, die dem Menschen im Denken ebenbürtig ist, also Probleme aller Art mit raffinierten Denkwerkzeugen löst. Das sagt der KI-Forscher Daniel Kokotajlo. Und er geht noch weiter. 2028, also quasi übermorgen, werde sich eine Künstliche Superintelligenz herausbilden, die menschlichen Experten in jedem Bereich geistig überlegen sind – was, weiter gedacht, in etwa zehn Jahren zur Ausrottung der Menschheit durch KI-gebastelte Roboter und Biowaffen führen wird. Bumm!
Fühlt sich richtig kacke an, wenn man zwar politisch interessiert ist, aber man sich mit diesem ganzen Dreck und Müll dieses Egomanen nicht täglich befassen will. Man kommt aber nicht darum herum. Keine Medien, die mir bekannt sind, die da nicht klicksüchtig mitmachen. Er soll ein ganzes Büro voll mit Plot-Schreibern beschäftigen, die ihm die ununterbrochene Berichterstattung weltweit garantieren. Bisher tun sie das wohl zu seiner vollsten Zufriedenheit. Aber halten die das vier Jahre durch? Und was macht das mit uns allen?
Besuch auf dem Anwesen von Fabrizio de André in den Bergen von Gallura auf Sardinien. Ein wahres Paradies auf Erden. Heute ist es ein gepflegtes, kleines Hotel, früher war es das Heim des Liedermachers. 1979 wurde er mit seiner Partnerin, der Sängerin Dori Ghezzi, von seinem Landgut von Sarden entführt, vier Monate in einer Höhle festgehalten, bis sein Vater das hohe Lösegeld bezahlte. De André, linker Pazifist und Anarchist, hatte Verständnis mit den Bauern, die ihn entführten, versöhnte sich und widmete ihnen später ein ganzes Album. Die Entführer wurden gefasst und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. De André starb 1999 an Lungenkrebs. Er wurde 59 Jahre alt. Sein Vermächtnis aber lebt weiter, in seinen Liedern und an diesem schönen Fleckchen Erde in den Bergen von Gallura.
Ich habe heute ein unfassbares Geschenk bekommen. Einen A4-Originalbrief von Jean Tinguely an meinen Kollegen Roger Benoit. Datiert: 24. Oktober 1985. Ich werde den Brief hüten wie einen Gold-Schatz. Formel-1-Fan Tinguely schrieb ihn, nachdem er mit Benoit einen GP besucht hatte. Die beiden waren gute Freunde. Da mich Tinguely als Künstler so sehr fasziniert, könnt ihr euch vorstellen, was mir dieses Präsent bedeutet. Danke von Herzen, Roger.
Heute wäre Jean Tinguely 100 Jahre alt geworden. Er fasziniert mich heute noch, wie er mich fasziniert hat, als ich zum ersten Mal ein Kunstwerk von ihm sah. «Heureka» heisst es, gebastelt aus rostroten Zahnräder, Stange, Hebeln und Gummiriemen. Bei ihm musste stets alles in Bewegung sein und durfte höllischen Krach machen. Bewegung, die sich scheinbar sinnlos wiederholt, oder in die Leere führt, ohne etwas zu produzieren. Die Maschine als Werkzeug, das Geratter und Geknatter in Poesie verwandelt. 2021 habe ich ein Bild gemalt, und es Tinguely getauft. Eine Dokumentation über den Ferrari-Fan aus Fribourg und seine zweite Ehefrau, Niki de Saint Phalle, hatte mich damals dazu inspiriert.
Perfider gehts nicht: Dem südafrikanischen Präsidenten vor laufender Kamera im Oval Office mithilfe eines fragwürdigen Videos eklatanter Rassismus, gar Genozid der schwarzen an der weissen Bevölkerung in Südafrika vorzuwerfen. Das ist eine absurde Verkehrung der amerikanischen Geschichte und Realität, die Trumps Wähler bestimmt gefallen wird, aber an Unverschämtheit nicht zu überbieten ist. Möchte wissen, was los wäre, würde dieser schreckliche Mensch selber mal so vorgeführt werden bei einem Staatsbesuch vor laufender Kamera.
Also wenn diese Welt und die ethischen Leitplanken, mit denen man das Gute vom Bösen unterscheiden kann, die das Zusammenleben unter moralischen Ansprüchen erst möglich machen, nicht völlig aus den Fugen, quasi unrettbar verloren ist, dann wird Dumb-Trump und seine Vebrecherbande in absehbarer Zeit von einem anständigen Gericht verurteilt – und wenn es das jüngste ist. Er wird allerdings nicht im weltlichen Knast enden, weil er aus gesundheitlichen Gründen zu keiner Haft mehr fähig sein wird, er wird noch im gedanklichen Nirvana darüber lachen, wie er die Hälfte der Menschheit verarscht hat, aber niemals merken, wie ihn die Saudis gerade über den Tisch ziehen, die ihm ein Luxus-Jet im Wert von 400 Millionen schenken. Einfach so – versteht sich.
Bruce Springsteen und seine E Street Band um Steven Van Zandt haben sich stets und von Anfang an unmissverständlich gegen die Politik von Dumb-Trump positioniert. Nun sagt Van Zandt, dass sie in den letzten Jahren darum die Hälfte ihres Publikums verloren hätten. Ich hole gleich alle Springsteen-Scheiben hervor und höre sie mir wieder und wieder an. Es lebe der Boss!
Zwei fremde Augen, ein kurzer, tiefer Blick. Ein sanftes Lächeln, ein angedeutetes Nicken. Was war das? Vielleicht dein Lebensglück. Vorbei, verweht, verflüchtigt...
