Die Welt verändert sich rasend schnell, die Gewohnheiten werden über den Haufen geworfen. Vielen geht das zu schnell. Sie reagieren mit Abwehr und Trotz. Sie suchen Halt, Orientierung und Sicherheit. Oft in traditionellen Rollenbildern, in Werten wie Familie, Heimat, im alten vermeintlich Bewährten. Sie sind empfänglich für hohle Versprechungen und Verschwörungstheorien.
Die rechten Parteien bedienen sich dieser Unsicherheit, schüren die Ängste weiter, reden alles schlecht und Versprechen gleichzeitig Besserung bis zu paradiesischen Zuständen. Kein Wunder fallen so viele darauf ein. Feindbilder, schon immer haben sie den Verführern geholfen. Wie praktisch sie sind: Die Abgrenzung zum Feind definiert das Wir-Gefühl und stärkt die eigene Gruppe. Zudem kann man komplexe Probleme auf ein simple Feindbilder runterbrechen – so einfach wie effektiv. Die Juden sind schuld. Die «Eliten» sind schuld. Die Ausländer sind schuld. Die Linken sind schuld. Greta ist schuld...
Es entstehen absurde Umkehrungen und Ungleichheiten. Umweltschützer, junge Menschen, die sich für ihre Zukunft engagieren, werden als Nestbeschmutzer verunglimpft, als Klima-Terroristen betitelt, als würde das harte Vorgehen gegen sie legitimieren. Wenn sich junge Aktivisten auf Strassen kleben, dann werden sie festgenommen und verurteilt. Wenn protestierende Bauern mit ihren Traktoren ganze Städte blockieren und Tonnen von Mist vor Politikerbüros, Behörden oder auf Strassen kippen. Dann passiert? Nichts. Wenn Politiker die Unternehmen von deren Umweltschutz-Pflichten und anderen gemeinnützigen Kosten befreien und im Namen der Arbeitsplatzsicherheit und Wirtschaftsprosperität die Steuern für die Reichen senken. Dann passiert? Nichts.
Nun brennt es in Europa, in Spanien, in Westfrankreich, unsere Sommer werden über Wochen unerträglich heiss, das Wasser immer knapper, Outdoor-Sport treiben gesundheitsgefährdender, die Fische in den Flüssen sterben aus, das Ökosystem kollabiert. Doch es gibt immer noch welche, die den menschengemachten Klimawandel bestreiten. Viele Rechtswähler hören das gern, denn sie haben Angst, ihre Gewohnheiten anpassen, vielleicht auf etwas verzichten zu müssen. Sie schliessen lieber die Augen und hören denen zu, die beschwören, dass es das früher alles auch schon gegeben habe. Oder: Dass wir als kleine Schweiz ja nichts bewirken können im welteweiten Kampf gegen die Treibhausgase, wir nur ein Tropfen auf dem heissen Stein sind, also weiter so!
Es ist erstaunlich wie gross die Rückschritte sind, die die Gesellschaft gerade macht. Getragen von verführten Massen und angeführt von alten Männern, die an den Machthebeln sitzen und ihre letzte Schlacht gegen die lauernde Bedeutungslosigkeit führen. Bitter erkämpfte Errungenschaften stehen plötzlich auf der Kippe. Tatsächlich gibt es wieder Menschen, die glauben, dass Wettrüsten zum Frieden beitrage, dass Faschismus Wirtschaftsprobleme löse, dass Abschiebungen nationale Sicherheit und Wohlstand gewährleiste, dass ein Weltkrieg auch Gutes bewirken könne. Waren wir nicht schon mal schlauer?
Wo sind die Visionen? Die Ziele und Träume, die wir gemeinsam anpacken und realisieren wollen? Die lustvolle Aufbruchstimmung, die unsere Krativität freilegt? Es gibt Möglichkeiten. Zusammen neue Lebensformen entwickeln, welche den Klimawandel einbinden und ihm gleichzeitig entgegen wirken können. Städte umgestalten, um sich besser vor der Hitze zu schützen. Neue Formen des Einkommens generieren, um dem Strukturwandel Rechnung zu tragen, wenn die Technologie zunehmend unsere Jobs übernimmt. Das Verhältnis von Arbeits- und Freizeit neu definieren. Die Gemeinschaft stärken und ausbauen. Unsere Angst bekämpfen, indem wir gemeinsam Zukunft gestalten. Dem Leben neuen Sinn geben.
Doch was passiert stattdessen? Die Aussichten sind trübbraun. Rechtspopulisten, welch verniedlichende Bezeichnung, werden gerade in vielen Ländern der Welt in Regierungen gewählt, was ihnen ermöglicht, ihre Phrasen in Taten umzusetzen. Sie werden sich darauf konzentrieren, ihre Gelüste zu stillen, ihre Macht abzusichern, in dem sie die Demokratie aushöhlen, Gefolgsleute in Position bringen, die Rechenschaftspflicht von Regierungen und die Unabhängigkeit der Justiz bekämpfen, die Pressefreiheit in die Mangel nehmen, die Wahrheit nach Belieben verbiegen, Feindbilder kreieren (ganz wichtig!), den Schwachen den Garaus machen ... Es wird neue Gewinner geben, vermeintliche Gewinner auf Zeit. Aber die Verlierer werden dieselben sein, und sollten sie das irgendwann bemerken, ist es vielleicht schon zu spät.
